Heilerwille und Lukas-Evangelium

Das Christentum kam als eine objektive Tatsache in die Welt, und die menschlichen Fähigkeiten, die Aufnahmefähigkeiten waren nicht stark genug, um das, was eigentlich im Christentum liegt, nach allen Seiten auszubilden. Daher ist der objektive Gang so, daß überall im Unterbewußtsein das Christentum lebt, aber der Mensch seit drei bis vier Jahrhunderten dieses Christentum vollständig verdarb. Die Menschen verdarben das Christentum durch das, was sie wissen, was im Intellekt, im Bewußtsein sitzt. Das, was nicht verstanden worden ist, dessen Verstehen heute vollständig verdunkelt worden ist, das ist, daß durch Christus ausgesandt worden sind zunächst vier, um das Christentum der Welt zu verkünden: Der Theologe Matthäus, der Jurist Markus, der Arzt Lukas und der Philosoph Johannes. In diesem Zusammenhang, der etwas ganz Tiefes ist, wurzelt, was einmal heraufkommen muß. Es sind die Dinge nur in den Keimen vorhanden, blühen und Früchte tragen müssen sie noch. Das, was tief wurzelt im Geistesleben, das ist, daß die Evangelien nicht übereinstimmen können dem Wortlaute nach, weil das eine vom Standpunkte des Theologen, das andere vom Standpunkt des Philosophen, das dritte vom Standpunkt des Juristen und das vierte vom Standpunkt des Arztes geschrieben ist. Das ist etwas, was durchaus verstanden werden muß; und weil das Lukas-Evangelium überhaupt noch nicht in Wirklichkeit als eine innere Anweisung für den Heilerwillen genommen worden ist – es ist die Sache nicht verstanden worden –, deshalb ist es gekommen, daß eigentlich innerhalb unserer heutigen Denkweise gar nicht ein christlicher Heilerwille lebt, sondern jener Heilerwille, der sich hineinversenkt hat in die Geisteskultur durch den Arabismus, der ja das Christentum wie mit einer Zange umfaßt hat. Es ist sehr interessant, nicht wahr! Das Christentum, das in Asien entstanden ist, nimmt seinen Weg herüber nach Europa, breitet sich in Europa aus. Aber nun sehen Sie sich einmal an den Hof des Harun al Raschid, wo alte Medizin lebte, da lebte in der menschenkundlichen Auffassung eigentlich das alte Mysterienwesen; dies war in der Tradition noch vorhanden. Da lebten nun zwei Menschen; Harun al Raschid selber, der die ganze Sache organisierte, diese riesige Geistesakademie, die unter seinem Einflusse wächst; da lebte ein anderer, der in früheren Zeiten ein Eingeweihter war; in der Zeit kam die Einweihung nicht heraus. Harun al Raschid kam wieder als Lord Bacon, Baco von Verulam: mit einer durchaus im Arabismus drinnenstehenden Denkweise erneuerte er das naturwissenschaftliche Denken vom Westen herüber. Wenn Sie Baco von Verulam studieren würden, würden Sie sehen, wieviel gerade dadurch in die Medizin hereingekommen ist, Sie würden staunend dastehen. Auf der andern Seite hat sich der andere, der Eingeweihte, verkörpert in der Seele des Amos Comenius. Wir sehen, ein nach dem Geiste hinstrebendes Leben war da in Comenius, aber er hat das alles nach intellektuellen Anschauungen getrieben. So sehen wir auch, wie der Arabismus in einer andern Persönlichkeit, die nicht gerade zur selben Zeit wie Harun al Raschid gelebt hat, aber in der Schlacht von Xeres de la Frontera eine Rolle gespielt hat, als Darwin wiederkommt. Und so sind alle in der Naturwissenschaft Wirkenden, und namentlich in der Medizin Wirkenden, Wiederverkörperungen dessen, was in alten Anschauungen, aber mit Ausschluß des Christentums – nicht in der Fortentwickelung des Christentums, sondern mit Ausschluß des Christentums –, was nach Europa in dieser Umklammerung gekommen ist, die der Arabismus mit dem Christentum vorgenommen hat. Und so lebt gerade die Medizin als etwas, was am meisten in dieser Weise hereingekommen ist; während jener Impuls, der im Lukas-Evangelium für die Medizin enthalten ist, noch so da ist, daß man sagen muß, er muß noch aufgenommen werden. [1]

Zitate:

[1]  GA 316, Seite 191ff   (Ausgabe 1980, 246 Seiten)

Quellen:

GA 316:  Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst (1924)